Wer entlang des südlichen Oberrheins die Natur erleben will, wird reich belohnt. Hier kann man nicht nur in den weitläufigen Hügeln des Schwarzwalds wandern: In der Rheinebene lassen sich auch zahlreiche Naturschutzgebiete entdecken.
Die Oberrheinebene – Landschaft, Geologie und Rheinregulierung
Die Loreley könnte ein Lied davon singen, wie schön der Anblick des Rheins vor noch 200 Jahren war. Die wilde Furt unter ihr kostete so manch einem Fischer das Leben. Unterhalb von Basel jedoch, in der Oberrheinebene, prägte der Rhein als frei fliessender Strom mit mehreren Armen die Landschaft. Zwar passierten im 19. Jahrhundert mit der Rheinregulierung die ersten massiven Eingriffe in das Flussökosystem, die im 20. Jahrhundert mit dem Bau des Rheinseitenkanals intensiviert wurden. Dank nationaler und internationaler Bemühungen konnten jedoch Teile der Schwemmflächen und Auen mit wertvollen Lebensgemeinschaften erhalten bleiben.
Entsprechend interessant ist das Gebiet entlang der oberen Rheinebene für Naturfreundinnen und Pflanzenliebhaber. Denn entlang des Oberrheins präsentiert sich die Landschaft äusserst abwechslungsreich; Fauna und Flora sind entsprechend vielfältig. Geologisch stellt die Oberrheinebene einen tief in die Erdkruste reichenden Grabenbruch dar. Die Entstehung des Oberrheingrabens begann vor rund 35 Millionen Jahren durch Dehnungen in der Erdkruste, die zu einem Absinken der Landschaft von Basel bis Mainz führten. In Folge erhoben sich an den Grabenschultern die Hügelketten des Schwarzwalds und der Vogesen.
Petite Camargue Alsacienne – Naturschutzgebiet bei Basel
Gleich nach der Grenze in der Nähe von Basel findet sich im Elsass mit dem Reservat Petite Camargue Alsacienne das erste Natur-Juwel. Mit der Korrektur des Rheins zwängte man den Fluss in ein enges Bett von kaum 200 Metern Breite. Die dadurch abgetrennten Altwasser in der französischen Gemeinde Saint-Louis wurden ab den 1860er-Jahren zur Aufzucht von Lachsen genutzt. Heute bilden die historischen Gebäude der Fischzucht das Zentrum des Naturschutzreservats. Trockene und feuchte Zonen verschmelzen hier zu einem komplexen Mosaik. Vor allem für Vogelfreunde lohnt sich ein Besuch: Im Frühling, oft aber auch im Spätsommer und Herbst beobachtet man für die Region seltene Vogelarten, wenn immer wieder besondere Durchzügler hier eine Rast einlegen. Bis zu hundert Arten an einem Tag machen im April im Schutzgebiet Halt. In dieser Zeit sind Pirol, Kuckuck und Nachtigall zudem mit Sicherheit zu hören.
Totengrien bei Effringen-Kirchen – Orchideenparadies am Oberrhein
Überquert man die Grenze und folgt dem Rhein weiter nördlich, kommt man in der Nähe des deutschen Effringen Kirchen zu einem kleinen, aber feinen Naturschutzgebiet. Das Totengrien lag einst in der Hauptrinne des Rheins, wo sich aufgrund der starken Strömung kein Feinmaterial, sondern ausschliesslich grobe Kiese ablagerten. Auf dieser Basis konnte sich nur eine flache Schicht Erdsubstrat entwickeln – der perfekte Untergrund für Orchideen, für deren Vielfalt das knapp drei Hektar grosse Totengrien bekannt ist. Fast alle standortheimischen Orchideenarten sind hier zu entdecken, etwas das Helm- Knabenkraut, die Hummel-Ragwurz und die Mücken-Handwurz.
Biosphärengebiet und Nationalpark Schwarzwald
Selbstverständlich darf man auf der Route entlang des Oberrheins das Biosphärengebiet Schwarzwald und der Nationalpark Schwarzwald nicht verpassen. Sie liegen zwar etwas abseits des Rheins, doch sind ein Muss, wenn man in der Gegend ist. Das südlicher gelegene Biosphärenreservat widmet sich der traditionellen, vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaft. Wer unberührte Natur vorzieht, ist im zwischen Baden-Baden und Freudenstadt gelegenen, Nationalpark besser aufgehoben: Mit dichten, atemberaubenden Wäldern, sanft sprudelnden Bächen und 1000 Meter hohen Gipfeln, von denen aus man eine fantastische Aussicht geniessen kann, ist dieses Schutzgebiet ein wahrhaft magischer Ort. Auf tausenden Kilometern gut gepflegter Wanderwege lassen sich abwechslungsreiche Bergrücken und tiefe Täler erkunden, die im scheinbar undurchdringlichen Wald verborgen sind, und – mit dem Fahrrad oder zu Fuss – die mystischen Wasserfälle, hoch aufragenden Gipfel und antiken Ruinen entdecken.
Naturschutzgebiet Taubergiessen – Auenlandschaft und Stocherkahnfahrten
Zwischen den beiden Schwarzwald-Parks liegt Freiburg im Breisgau, wo man unbedingt einen Stopp einlegen sollte: Die Unistadt mit historischem Zentrum ist berühmt für ihren Bauernmarkt auf dem Münsterplatz. Ein besonderer Geheimtipp ist zudem der Heilpflanzengarten «Achillea»: Hier wachsen neben der namensgebenden Schafgarbe 200 verschiedene Heilpflanzenarten. Die idyllisch angelegte Pflanzensammlung ist Teil der ehemaligen Freiburger Heilpflanzenschule Ursel und bietet heute einer wachsenden biologischen Vielfalt aus zahlreichen Insekten, Kleinlebewesen, Vögeln, Amphibien und Reptilien ein Zuhause.
Weiter nördlich hat auch Rust eine Attraktion zu bieten – und nein, damit meinen wir nicht den Europapark. Gleich nebenan liegt das idyllische Naturschutzgebiet Taubergiessen: Über eine Fläche von 2380 Fussballfeldern erstrecken sich weitläufige Wiesen- und Waldlandschaften und ein dichtes Gewässernetz, auf dem örtliche Fischer die beliebten und traditionellen Stocherkahnfahrten anbieten. Nutria, schillernde Eisvögel und die seltene Flussseeschwalbe lassen sich dabei beobachten. Sieben ausgeschilderte Themenwege führen an die schönsten Flecken des Gebiets.
Nordvogesen und Pfälzerwald – UNESCO-Biosphärenreservat
Mag man dem Rheinlauf noch etwas weiter nach Süden folgen, legt man den nächsten Halt am besten in Heidelberg ein. Der botanische Garten der altehrwürdigen Universitätsstadt beherbergt eine Vielzahl aussergewöhnlicher exotischer Wildpflanzen. Wer lieber Einheimisches mag, fährt rund 70 Kilometer westlich: An der französisch- deutschen Grenze gelegen, teilen sich die Nordvogesen und der Pfälzerwald ein grenzüberschreitendes UNESCO-Biosphärenreservat. Lichte Kiefernwälder, sonnige Wiesentäler und fast 150 sagen - umwobene Burgen und Burgruinen prägen die Gegend. Im grössten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands fühlen sich Luchs, Wildkatze und Wanderfalke wohl. Und mit etwas Glück entdeckt man in den mächtige Felsentürme aus Buntsandstein sogar ein brütendes Kolkrabenpaar. Den letzten Brutnachweis in Rheinland- Pfalz gab es vor gut 80 Jahren, danach galt der grosse Rabe, der eine Flügelspannweite von bis zu 1,35 Metern hat, als ausgerottet.Heute fühlt er sich in der Gegend zum Glück wieder wohl und tut das mit seinen typischen rauen «Kras» kund.
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NATURZYT Ausgabe Dezember 2024, Text Helen Weiss, Fotos AdobeStock

