Im Boden wimmelt es von Springschwänzen, Regenwürmern und Mikroorganismen. Sie zersetzen die Biomasse und bilden daraus den wertvollen Humus. Deshalb leisten die Bodenlebewesen im Untergrund unersetzbare Arbeit – die von uns Menschen mehr gewürdigt werden sollte.
Wir Menschen treten das Leben oft mit Füssen, ohne es zu bemerken. Etwa bei einem Waldspaziergang: Während wir die Natur geniessen, tobt unter unserem Schuhwerk ein fantastisches Leben. Und zwar von solchen Ausmassen, dass man vor Ehrfurcht eigentlich erstarren müsste. Allein auf der kleinen Fläche, die unter den eigenen Füssen Platz hat, existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Und so winzig die meisten auch sind, ohne ihr Wirken gäbe es auch kein Leben über der Erde. Die oberste Bodenschicht hat eine essentielle Bedeutung für das Ökosystem. Ohne sie wäre der Boden kein Boden, sondern allenfalls Material für den Sandkasten oder für die Töpferei. Humus schützt den Boden vor Erosion, sorgt für eine krümelige Bodenstruktur, speichert Wasser und gleicht Temperaturschwankungen aus. Ausserdem ist er ein beständiger Nährstofflieferant für die Organismen und die Pflanzen.
Warum lebendiger Boden die Grundlage für fruchtbare Erde ist
Eine ganze Armada von Lebewesen nutzt die anfallende organische Substanz, also die Reste von Pflanzen und Tieren, als Nahrung. Die Winzlinge leisten eine Heidenarbeit: Organische Stoffe werden zu einfachen chemischen Verbindungen abgebaut (Mineralisierung) oder zu anderen organischen Stoffen umgebaut (Humifizierung). Ihr Werk ist äusserst wichtig, denn Pflanzen können keine organische Stoffe aufnehmen. Bodenlebewesen bauen organische Substanzen in anorganische Stoffe um, so dass sie als Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar sind.
Bodenorganismen und Humusbildung – der komplexe Abbauprozess
Der Abbau organischer Stoffe vollzieht sich in drei Stufen, wobei der erste Prozess bereits kurz oder unmittelbar nach Absterben in den Pflanzenorganen selbst passiert. Hierbei werden im Zellinnern durch Enzyme Verbindungen chemisch in Einzelbausteine zerlegt: Stärke in Zucker, Eiweiss in Aminosäuren oder Chlorophyll (Blattgrün) in Abbauprodukte. Letzteres etwa ist im Herbst zu beobachten, wenn sich das Laub verfärbt.
Kaum berührt das Blatt den Boden, werden die Bodenlebewesen aktiv – Phase zwei beginnt. Die oberste Bodenschicht kann dabei durchaus als riesige chemische Fabrik bezeichnet werden, deren Mitarbeitende – vom Regenwurm bis zu den Mikroorganismen – alle dasselbe Ziel verfolgen: Fressen. Denn um organische Stoffe in chemische Verbindungen umzuwandeln, sind mehrere Verdauungsgänge notwendig. Fällt das Blatt zu Boden, beginnen die Bodenlebewesen, das Laub mechanisch zu zerkleinern.
Vom Laub zum Humus – Zersetzung in mehreren Stufen
Die Zerkleinerung des Blattes durchläuft dabei unterschiedliche Stufen. Beim sogenannten Fensterfrass knabbern Springschwänze, Rindenläuse und Hornmilben an der Blattunterseite kleine Stücke aus dem Blatt. Erste Mikroorganismen siedeln sich an. Einen verstärkten Fensterfrass sowie den Randbefall erledigen hinzukommende Zweiflügellarven – diese Phase der Zersetzung wird Lochfrass genannt. Bei diesem Grad der Verrottung tritt auch der Regenwurm in Aktion, der Blattstücke in den Boden zieht. Bald ist zwischen den Blattadern nicht mehr viel organisches Material vorhanden. Beim Skelettfrass wird das Blatt weiter durch grössere Zweiflügellarven, Ohrwürmer, Hornmilben, Asseln, Schnecken und Tausendfüssler zerfressen. An den zerkleinerten und mikrobiell aufgeschlossenen Blattresten tun sich nun Springschwänze und Milben gütlich.
Dauerhumus und Nährhumus – Unterschied und Bedeutung
Während das Material den Darmtrakt von Regen- und Borstenwürmern durchläuft, vermischt es sich intensiv mit Bodenpartikeln. Ausserdem werden die zerkleinerten Pflanzenrückstände in den Boden eingearbeitet. In einem dritten Schritt werden die zerteilten Pflanzenrückstände durch Mikroorganismen umgesetzt. Am leichtesten zersetzbar sind Zucker, Stärke und Eiweiss. Diese schnell abbaubare Fraktion der organischen Substanzen wird als Nährhumus bezeichnet und überdauert meist nur wenige Wochen im Boden, bis sie vollständig abgebaut ist.
Andere Pflanzenrückstande sind hingegen nur schwer zu knacken: So haben sich etwa nach Abbau der Zellinhaltsstoffe die Zellwände und die pflanzliche Struktur oft noch kaum verändert. Das gilt besonders für ältere Gewebeteile, die reich an Lignin, welches die Verholzung der Zellen bewirkt, und Zellulose sind. Ausschliesslich spezielle Nahrungsspezialisten können diese Stoffe verwerten. Hier treten nun unter anderem Pilze und spezielle Bakterien in Aktion. Denn neben der Bodenfauna ist auch die Bodenflora an der Zersetzung organischer Stoffe beteiligt. Die Pilze sind chemische Fabriken, die Mineralien aufschliessen und für die Pflanzen verfügbar machen. Mit dem mikrobiellen Abbau der Zellulose durch Pilze und spezielle Bakterien geht die pflanzliche Struktur verloren. Dadurch wird auch das schwer zersetzbare Lignin abgebaut.
Diese Stoffe verbleiben lange im Boden; sie überdauern teilweise Jahrhunderte. Dieser sogenannte Dauerhumus stellt die Hauptmasse der organischen Substanzen im Boden dar und ist für die typische dunkle Färbung der Erde verantwortlich. Durch den langsamen Abbau des Humus und zugeführte organische Stoffe wie Pflanzenreste und Dünger werden die Pflanzen beständig mit Stickstoff , Phosphor und Kali versorgt. Diese drei Nährstoffe sind für das Pflanzenwachstum von grundlegender Bedeutung.
Wie lange die Zersetzung von organischem Material dauert, ist unterschiedlich. Die Zusammensetzung der Bodenorganismen unterscheidet sich primär je nach dem entsprechenden Biotop beziehungsweise der Bodennutzung sowie nach der geografischen Lage. Verholzte Teile benötigen – wie oben beschrieben – länger als ein Laubblatt, bis sie vollständig zersetzt sind. Doch auch bei Hölzern gibt es Unterschiede, da sie je nach Pflanzenart unterschiedliche Harze und Säuren enthalten: Während «weiche» Hölzer von so genannte Pionierpflanzen wie Pappeln oder Weiden innerhalb von einem Jahr verrotten, dauert es bei einer Robinie bis zu 20 Jahre. Dies kann man sich im Garten zunutze machen: Für Holzpfähle oder einen Zaun benutzt man möglichst langlebiges Holz.
Einfluss von Klima, Gestein und pH-Wert auf das Bodenleben
Bei der Dauer der Verrottung ist zudem die geografische Lage massgebend: In höher gelegenen Gebieten ist die Vegetationszeit kürzer – somit dauert es auch länger, bis der Boden organisches Material «verdaut» hat. Die Art des Gesteins im Boden beeinflusst mit seinem unterschiedlichen Säure- oder Basengehalt ebenfalls die Zusammensetzung des Bodenlebens. Beste Beispiele dafür sind der Schwarzwald mit säurehaltigem Boden und der Jura mit basischen Verhältnissen. Für Hobbygärtnerinnen und -gärtner ist es deshalb wichtig, den pH-Wert des Bodens zu kennen, um erfolgreich Pflanzen anzubauen. Nur so können durch eine ausgewogene Düngung die richtigen Nährstoff e zugeführt werden. Grundsätzlich funktionieren die Abläufe in der obersten Bodenschicht jedoch auf der ganzen Welt gleich. Es gibt je nach Kontinent zwar gewisse Spezifikationen bei den Tierarten, die Verrottung von organischem Material passiert aber immer nach demselben Prinzip.
Doch nicht nur Bodenfauna und -flora sind an der Freisetzung von Nährstoffen aus organischem Material beteiligt, sondern auch die Vegetation selbst. Durch Ausscheidungen von Säuren über die Wurzeln können bestimmte Pflanzen Kalkverbindungen wieder verfügbar machen. Ein typisches Beispiel dafür sind etwa die Jurahänge, auf deren Kalkgestein sich Wälder ausbreiten.
Symbiosen im Boden – Leguminosen und Knöllchenbakterien
Grundsätzlich besteht das Edaphon, also das Bodenleben, aus einem Haufen Spezialisten, die jeder für sich eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Das Zersetzen von organischen Stoffen ist ein Zusammenwirken von vielen. Die Symbiosen sind dabei äusserst vielfältig und haben sich in den mehr als 450 Millionen Jahren, in denen Landpflanzen gemeinsam mit Mikroorganismen und Insekten auf der Erde leben, zu komplexen Lebensgemeinschaften entwickelt. So ist etwa die Symbiose zwischen einigen Pflanzenarten und stickstofffixierenden Knöllchenbakterieneine der wichtigsten Kooperationen der Welt. Sie prägt die globale Vegetation und nicht zuletzt den globalen Kreislauf von Stickstoff und Kohlenstoff. Mit Hilfe von Bakterien können Leguminosen wie Linsen, Erbsen und Bohnen den Stickstoff aus der Luft verwerten, den sie zum Wachstum dringend benötigen, der im Boden oft aber zu wenig vorhanden ist. Deshalb lassen sich Leguminosen im Hausgarten und in der Landwirtschaft ideal als Bodendüngung einsetzten.
Schadstoffe, Pestizide und Bodengesundheit
Da unter den Bodenmikroorganismen viele Spezialisten vorkommen, ist der Boden auch fähig, Giftstoffe zu verarbeiten. Bodenmikroorganismen bilden etwa zahlreiche Antibiotika wie Penicilline von Penicillium-, Aspergillus-, Trichophyton- und Streptomyces-Arten. Im Boden verschaffen sich diese Arten damit einen Vorteil. Nicht alles, was für
Je vielfältiger und artenreicher das Bodenleben ist, umso mehr Möglichkeiten hat die Natur, um Hilfestellung zu leisten. Je nach Menge und Verbindung kommt der Boden jedoch mit der schädigenden Einwirkung auch nicht mehr klar: Ab einer gewissen Konzentration wirken anorganische Stoffe wie etwa Kupfer – das auch als Pflanzenschutzmittel gegen Pilzkrankheiten eingesetzt wird und als Spurenelement für die Pflanzen wichtig ist – toxisch und töten Kleinlebewesen und Mikroorganismen ab. Ein Problem stellen auch organische Schadstoffe und Pestizide dar, die im Boden kaum oder nur sehr langsam abgebaut werden können, wie das Pestizid DDT: Auch 30 Jahre nach dem Verbot können noch immer Spuren des Insektengifts im Boden nachgewiesen werden.
Boden im Garten richtig pflegen – Mulchen, Kompost und Gründüngung
Die grandiose Arbeit, welche die Lebewesen in der obersten Bodenschicht leisten, sollte gebührend gewürdigt werden. Am besten stellt man sich seinen Gartenboden als riesiges Terrarium vor, deren Lebewesen man füttern, wässern und vor schädlichen Einflüssen schützen sollte. Schlecht durchlüfteter, verschlämmter oder verdichteter Boden schädigt das Bodenleben. Ausserdem mögen es die Bodenlebewesen nicht, wenn der Boden ungeschützt der prallen Sonne und der mechanischen Kraft der Regentropfen ausgesetzt ist. Unbestellter Boden sollte also schnell mit Mulch abgedeckt oder mit einer Zwischenfrucht geschützt werden.
Artenvielfalt im Boden fördern und Bodenverdichtung vermeiden
Auch mechanische Bearbeitungen sind tabu: Die Zeiten, als der Gartenboden im Frühling noch tiefgründig umgegraben wurde, sollten der Vergangenheit angehören. Damit bringt man ein funktionierendes System durcheinander und schadet dem ganzen Bodenleben. Negative Einflüsse auf die Bodenorganismen entstehen auch durch das Ausbringen von Chemikalien wie zum Beispiel Pflanzenschutzmitteln und falsche oder zu hohe Düngung. Der Boden möchte ausgewogen «gefüttert» werden. Das kann durch regelmässige Gründüngung, durch Mulchen und durch das Ausbringen von Kompost erreicht werden.
Je besser man für den Boden sorgt, umso grösser ist die Artenvielfaltdarin. Das zahlt sich aus: Die Dichte der Bodenorganismen deutet auf die Gesundheit des Bodens hin. Denn nur ein lebendiger und somit gesunder Boden ist auf Dauer ein fruchtbarer Boden, der mit seiner Humusschicht Pflanzen versorgen kann und reiche Ernte bringt.
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NATURZYT Ausgabe Dezember 2025, Text Helen Weiss, Fotos Envato

